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Mutter Erde
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Mutter Erde bezeichnet im religiösen Sinn verschiedene Vorstellungen von der Erde (im Sinne von Umwelt, Land, Natur oder Planet) als einer heiligen Ganzheit mit diversen ĂŒbersinnlich-transzendenten Attributen. In vielen Sprachen der Welt wird die Erde weiblich und der Himmel mĂ€nnlich aufgefasst.cite-ref-1[1] Daraus folgt allerdings nicht, dass es sich bei der Vorstellung der âMutter Erdeâ um eine religiöse Universalie handelt.
Der Begriff hat mehrfach einen Bedeutungswandel erfahren und wird auch heute noch in verschiedenen Lesarten verwendet, die sich nur aus dem jeweiligen Kontext erschlieĂen:
1. Es gibt zahlreiche Bezeichnungen aus verschiedensten historischen Religionen, ethnischen Glaubensvorstellungen, der VolksreligiositĂ€t und der Naturphilosophie, die mit dem Begriff âMutter Erdeâ ĂŒbersetzt werden können. Sie stehen alle fĂŒr die Auffassung einer diffus personifizierten heiligen Erde (im Sinne von physischer Umwelt) als der animistisch beseelten Quelle allen Lebens, die von den Menschen mit ganz unterschiedlichen Ritualen und BrĂ€uchen religiös-kultisch verehrt wurde.
2. Die erzwungene Auseinandersetzung mit der Landnahme der Euroamerikaner in Nordamerika fĂŒhrte bei den Indianern im 19. Jahrhundert zur Bildung des Ausdruckes Mutter Erde (Mother Earth) als strategisch wichtiger Sammelbegriff, um die verschiedensten Formen der spirituellen Naturverehrung, die in irgendeiner Weise einen Bezug zur Erde (im Sinne von Land und Lebensraum) hatten, unter einem Begriff zu vereinen. Strategisch deshalb, weil der Begriff in den meisten FĂ€llen nur als plakative Metapher in der Kommunikation mit den Eindringlingen verwendet wurde und selbst keine religiöse Bedeutung hatte.
3. FĂŒr viele re-traditionelle nord- und sĂŒdamerikanische Indianer der Gegenwart ist die im 19. Jahrhundert entstandene Mother-Earth-Philosophie (im Sinne einer gemeinsam indianischen, erdverbundenen SpiritualitĂ€t) ein identitĂ€tsstiftender Begriff.
4. Die Umweltbewegung im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts weitete den indianischen Sammelbegriff auch auf andere indigene Völker aus und machte die âirgendwie heiligeâ Mutter Erde (im Sinne der gesamten BiosphĂ€re) zu einem mystisch-romantisch verklĂ€rten Symbol fĂŒr den nachhaltigen Umgang mit der Welt. Dies war ursprĂŒnglich profan, fĂŒhrte jedoch nachtrĂ€glich zu neuen spirituellen VerknĂŒpfungen.
5. Die Vordenker einiger esoterisch geprÀgter Bewegungen des Westens (insbesondere des Neopaganismus) platzierten die Auffassung einer pantheistisch gedachten Erdgottheit (zumeist im Sinne eines mit Geist ausgestatteten Planeten) als neureligiöse Personifizierung in ihre konstruierten Weltanschauungen.
Weltanschauungen, bei denen die Verehrung der Erde im Mittelpunkt steht, werden bisweilen als chthonisch bezeichnet.cite-ref-2[2] Dies gilt auch fĂŒr moderne Theorien wie etwa die evolutionsbiologische Gaia-Hypothese.
Contents
âą Siehe auch
âą Literatur
âą Einzelnachweise
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Abgrenzung zur âErdmutterâ und âMuttergöttinâ
HĂ€ufig werden die Bezeichnungen Erdmutter und Mutter Erde in ethnologischer oder religionswissenschaftlicher Literatur synonym verwendet. Einige Autoren differenzieren jedoch zwischen der Erdgöttin oder Muttergöttin im Sinne einer göttlichen Personifikation der Erde, der menschenĂ€hnliche ZĂŒge, Wille und Handlungsmacht zugesprochen wird, und der âMutter Erdeâ als einer pantheistisch beziehungsweise animistischen Auffassung im Sinne einer âmit Geist oder göttlicher Kraft ausgestatteten Erdeâ.cite-ref-k-hlmann-3-0[3] Eine eindeutige Zuordnung zu beseelter Erde oder Erdgöttin ist jedoch in sehr vielen FĂ€llen schwierig, da vielfach beide Aspekte eine Rolle spielen.
Klassische Vorgabe: Die diffuse Personifizierung
Die elementarste religiöse Vorstellung, die in allen Religionen zu finden ist, beruht auf der universalen Annahme einer menschlichen Seele:cite-ref-wernhart-4-0[4] Daraus folgt der Gedanke, dass alle anderen Wesen genauso beseelt sein mĂŒssten wie der Mensch. Die Ausweitung dieses Gedankens auf unbelebte Naturerscheinungen wie Felsen, GewĂ€sser, Berge usw., die von rezenten Wildbeuterkulturen bekannt ist, wird als Animismus bezeichnet.cite-ref-5[5]cite-ref-6[6] So wie die Redewendung von der Mutter Natur ein Bild ist, das nahezu zwangslĂ€ufig der alltĂ€glichen Lebenswirklichkeit entspringt, ist auch die Ăbertragung der Idee von der Beseeltheit aller Naturerscheinungen auf die gesamte Erde naheliegend.cite-ref-7[7] Die philosophische Auseinandersetzung mit dieser Idee fĂŒhrte zum weiteren Ausbau dieser Vorstellungen:
âą Wird die Erde (oder synonym der gesamte Kosmos) als göttlicher âUrgrundâ der Welt, als âdiffuses, göttliches Prinzipâ ohne menschliche (anthropomorphe) Eigenschaften gedacht, ist die Vorstellung pantheistisch.
âą Wird eine Personifizierung mit dem Bild menschenĂ€hnlicher Eigenschaften (Gestalt und Verhalten) vorgenommen, entsteht die Idee einer separaten, âĂŒber der Erde stehendenâ Erdgöttin, die die Erde nur noch reprĂ€sentiert oder sie erschaffen hat.
PrÀhistorische und historische Religionen
âDie Erde will ich besingen, die Allmutter, die fest begrĂŒndete, die Ă€lteste aller Wesen. Sie nĂ€hrt alle Geschöpfe, alle, die auf der göttlichen Erde gehen, alle, die in den Meeren sich regen und alle, die fliegen. Von ihrer FĂŒlle leben sie alle. [âŠ] Sei gegrĂŒĂt, Mutter Erde, Gattin des gestirnten Himmels. Spende gĂŒtig zum Lohn fĂŒr mein Lied herzerfreuende Nahrung. [âŠ]â
â
Homerische Hymnen
:
An Allmutter Erde
(7. â 5. Jahrhundert v. Chr.)
Dieser Auszug aus den Homerischen Hymnen beschreibt die in anderen Aufzeichnungen eher menschenĂ€hnlich (anthropomorph) dargestellte griechische Erdgöttin Gaia als ânicht-anthropomorpheâ Personifikation göttlicher Macht in Gestalt der sinnlich erfahrbaren Erde, wofĂŒr es aus der griechischen und römischen Antike noch einige Belege mehr gibt.cite-ref-9[9] Trotz der hĂ€ufigen Menschengestalt der Erdmutter werden die griechisch-römischen Göttinnen Gaia/Tellus und Demeter (von Îłáż ÎŒÎźÏηÏ, gá»
máșżtĂȘr, âMutter Erdeâ)/Ceres weiterhin auch als âdie göttliche Erde selbstâ betrachtet, deren Leib das Leben hervorbringt, in den es nach dem Tod zurĂŒcksinkt.cite-ref-10[10]
Die Theorie, dass in spĂ€ten Sammler- und frĂŒhen Feldbauernkulturen der FrĂŒhzeit eine liebevoll-ehrfĂŒrchtige Scheu des Menschen vor der Fruchtbarkeit der Erde bestand, die Religion und Kult maĂgeblich bestimmten, ist unter den notwendigerweise oft auf Spekulation angewiesenen Erforschern der Religion im PalĂ€olithikum weitgehend unbestritten. Allerdings ist nicht nachzuweisen, ob daraus die Verehrung einer Mutter Erde entsprang und welche Handlungsnormen damit verbunden waren.cite-ref-radkau-11-0[11]
In den historischen Religionen ist âMutter Erdeâ als weibliches Prinzip und âVater Himmelâ als mĂ€nnliches Prinzip eine typische duale pantheistische Vorstellung: Das Paar gilt oft als Schöpfer der Welt.cite-ref-12[12] Insbesondere in der östlichen Orthodoxie wurde die Mutter Erde verehrt.cite-ref-13[13]
Ethnische Religionen
âAltvater und Vater Uakan-Tanka, und Altmutter und Mutter Maka, die Erde. Denke an diese vier Verwandten, die in Wirklichkeit alle Einer sind, [âŠ] Uakan-Tanka [âŠ], der ewig flieĂt und Seine Macht und Sein Leben allem mitteilt.â
â
Black Elk
, Oglala-Lakota
In zahlreichen traditionellen Religionen sogenannter Naturvölker â insbesondere bei Feldbauern â kommt bzw. kam die Verehrung einer als göttlich betrachteten Erde vor; sie war auch hier manchmal schwierig von Erdmutter-Göttinnen zu unterscheiden. Sie gilt hier als âfruchtbarkeitserhaltende weibliche Manifestation der spirituellen Energieâ, oft als âMutter Erdeâ oder als âGroĂmutter Erdeâ bezeichnet. Der Terminus âErdeâ umfasst dabei nicht nur den Erdboden, sondern ebenso die GewĂ€sser, alle Lebewesen, die Luft und alle bekannten NaturphĂ€nomene inklusive aller ihnen innewohnenden Geistwesen.cite-ref-crawford-15-0[15]
Bei den Yoruba wird die Erdmutter Ajala auch als Schöpferin der Menschenköpfe betrachtet, aber nicht als Gottheit verehrt. Sie verkörpert eher das Prinzip der kosmischen Harmonie.
Aufgrund der populĂ€ren panindianischen Mother-Earth-Philosophie wird der Begriff zumeist mit den nordamerikanischen Indianern in Verbindung gebracht. Gerade in Nordamerika war die Vorstellung einer beseelten irdischen Einheit jedoch ursprĂŒnglich Ă€uĂerst selten. Erst die Konfrontation mit der euroamerikanischen Kultur hat diesbezĂŒglich zu einem Begriffswandel gefĂŒhrt, wie weiter unten noch ausfĂŒhrlich dargestellt wird (â Der identitĂ€tsstiftende Begriff)
Nordamerika: Vor der europÀischen Landnahme
Vor der europĂ€ischen Expansion gab es die klassische Mutter-Erde-Anbetung mit groĂer Wahrscheinlichkeit bei einigen bodenbebauenden StĂ€mmen (wenn auch nicht in prominenter Rolle) wie den Irokesen und Yuchi,cite-ref-feest-16-0[16] den Pawnee (Tirawahat, âdas Universum und alles darinâ) und den frĂŒher feldbautreibenden Absarokee (AwaisahkĂ©, âMutter Erdbodenâ).cite-ref-17[17]
Unter JĂ€gern und Sammlern, die hĂ€ufiger WĂ€lder und Tiere verehrten, findet sich die Vorstellung von Mutter Erde nur sehr selten oder sie spielen keine zentrale Rolle. Das gilt fĂŒr die Cheyenne, die frĂŒher Ackerbau betrieben, bevor sie nomadisch lebten. FĂŒr sie verkörperten die Erde das weiblich-materielle Prinzip, der Himmel das mĂ€nnlich-geistige Prinzip.cite-ref-feest-16-1[16] Eine Ă€hnliche Auffassung hatten die benachbarten Lakota, die ebenfalls zum Teil bis ins 18. Jahrhundert Ackerbauern warencite-ref-18[18] (siehe Zitat von Black Elk). In der Mythologie der Okanagan aus dem Nordwesten ist die Erde die Vorfahrin aller Menschen. Sie war zuerst die menschengestaltige Urmutter, aus der der Gott âOld-Oneâ die gesamte Erde schuf, deren Körperteile dabei zu den Teilen der Erde wurde, auf denen nunmehr die Menschen leben.
Mittel- und SĂŒdamerika
Im Andenraum ist das Konzept der pantheistisch vergöttlichten Mutter Erde âPachamamaâcite-ref-20[20] ein autochthones (dort entstandenes) PhĂ€nomen. Das heute gelĂ€ufige Bild von Pachamama als einer kleinen, hutzeligen alten Frau entstand erst durch den Einfluss der westlichen Welt. Davor war Pacha ein geschlechtsloses Prinzip fĂŒr das universale kosmische GefĂŒge der Welt. Die Erweiterung Mama ist im Verlauf der europĂ€ischen Kolonisierung durch die VerknĂŒpfung des Prinzips mit der christlichen Marienverehrung entstanden.
GrundsĂ€tzlich glauben die indigenen Andenbewohner Ecuadors, Boliviens und Perus vielfach noch heute daran, dass sie behutsam mit der Erde umzugehen haben, um sie milde und gnĂ€dig zu stimmen. DafĂŒr wird âihrâ mit einem Dankesfest geopfert, um ihr neue Kraft zu geben. Das Blut von Opfertieren wird ihr gegeben, um ihre FĂŒrsorge fĂŒr den Tierbestand zu wĂŒrdigen und Fruchtbarkeit in der Zukunft zu erfahren. Besprengungen sollen verhindern, dass die Saatphase durch unheilvolle EinflĂŒsse aus dem Boden und Erdinneren beeinflusst wird. Auch sollen Regenrituale helfen, die Trockenperiode zu vertreiben. Eng mit dem Glauben an Pachamama hĂ€ngt das Lebensprinzip des Ayni zusammen, das aus der Ăberzeugung des Zusammenhangs aller Energien und Lebewesen die Praxis der wechselseitigen UnterstĂŒtzung ableitet. Die Forderung nach ReziprozitĂ€t impliziert, dass alles, was man von der Erde oder anderen Menschen empfangen hat, zurĂŒckgegeben werden soll, und verhindert eine Monopolisierung von Ressourcen.
Der Glaube an Pachamama spiegelt â zusammenfassend gesagt â die tiefgrĂŒndige Verwurzelung der indigenen Anden-Bevölkerung mit dem Land und ihre AbhĂ€ngigkeit von den Naturgewalten wider. In der Verehrung von Pachamama Ă€uĂern die Menschen die Ehrfurcht vor der Schöpfung und dem Leben.cite-ref-21[21]
Eine modernisierte Form initiierte der bolivianische PrĂ€sident (â Evo Morales âInternationaler Tag der Mutter Erdeâ). In Bolivien wie in Ecuador hat Pachamama im Sinne eines Lebens im Einklang mit der Natur (â Sumak kawsay, âgutes Lebenâ) sogar Verfassungsrang; allerdings gestaltet sich die Umsetzung nicht nur in der Privatwirtschaft, sondern auch im Genossenschaftssektor schwierig.
Nord- und Zentraleurasien
Im sogenannten Kulturareal Sibirien â das von Lappland bis ans Ochotskische Meer reicht â lebten frĂŒher ausschlieĂlich nomadische RentierhĂŒter sowie Wildbeuter. Obwohl die Erde als religiöses Symbol der Bodenfruchtbarkeit dort keine Rolle spielte, ist die Vorstellung einer heiligen Mutter Erde bei einigen Völkern belegt, so bei den Chanten und Mansencite-ref-22[22] in Form der mongolischen (nicht-anthropomorphen) Mutter Erde Gazar Eje, der alttĂŒrkischen Erdgöttin Yer Tanrı und des Prinzips des achtsamen Umgangs mit lebenden Pflanzen bei einigen anderen Turkvölkern Nordasiens.cite-ref-23[23] Auch bei den nordeuropĂ€ischen SĂĄmi ist die lebensspendende Muttergöttin bekannt, allerdings mit nachrangiger Bedeutung.cite-ref-24[24] Insgesamt spielen in Nord- und Zentraleurasien Tier- und Jagdgottheiten eine wichtigere Rolle (z. B. die alttĂŒrkische Toprak Ana oder die mongolische Gazar Eçe, welche etwa der Diana entsprechen).
SĂŒd- und SĂŒdostasien
In Indien wird mit Shakti die weibliche Urkraft des Universums bezeichnet. Die unzĂ€hligen indischen Göttinnen werden als anthropomorphe Formen dieser Kraft angesehen. In der indischen VolksreligiositĂ€t und einigen Stammesreligionen der Adivasi werden jedoch auch diffuse Vorstellungen einer heiligen Erde damit verbunden, die als Mutter verehrt wird und die auf die vor-hinduistische Zeit zurĂŒckgehen.cite-ref-dieterich-s-14-25-0[25]
Bei den Stammesreligionen Indonesiens existieren zahlreiche Vorstellungen von Erdgöttinnen, die immer zusammen mit einem Himmelsgott die âUrstammelternâ der Welt bilden. In den meisten FĂ€llen werden sie als menschenĂ€hnliche Personifizierungen gedacht. Von den Ngada von der indonesischen Insel Flores ist jedoch auch eine Ă€ltere Form der Anbetung bekannt, bei der DĂ©va und Nitu nicht nur als Himmels- und Erdgottheit gesehen werden, sondern auch als âsichtbarer Himmelâ und âwirkliche Erdeâ.cite-ref-26[26]
Australien
In Zentralaustralien glaubten die Menschen frĂŒher, dass die Seele eines Kindes aus einem bestimmten Erdloch an einem heiligen Stein steige, wenn eine junge Frau daran vorbeiging.cite-ref-dieterich-s-13-19-1[19]
Volksfrömmigkeit und Naturphilosophie
âDir gelten meine TrĂ€nen, meine feuchte Mutter Erde, feuchte Erde, die Du mich nĂ€hrst und trĂ€nkst, mich Schuft, SĂŒnder, UnverstĂ€ndigen! Denn im Gehen haben meine Beine Dich getreten. Und ich habe Sonnenblumenkeime ausgespuckt.â
â
Vergebungsgebet aus dem Norden Russlands
In der Volksfrömmigkeit der christlichen LĂ€nder â besonders deutlich in den slawischen LĂ€ndern â findet man das göttliche Prinzip einer Mutter Erde als offenbar sehr altes Motiv.cite-ref-28[28] Bei den Armeniern etwa â dem Ă€ltesten christlichen Volk der Welt â nennt man die Erde immer noch âden Mutterstoff, aus dem der Mensch geboren wirdâ.cite-ref-dieterich-s-14-25-1[25]
Gerade religiöse BrĂ€uche gelten in der Religionsforschung als besonders langlebig, so dass sie oftmals RĂŒckschlĂŒsse auf Vorstellungen zulassen, die vor dem Einfluss jĂŒngerer Religionen herrschten.cite-ref-29[29] Albrecht Dieterich untersuchte zu Anfang des 20. Jahrhunderts weltweit vorhandene Erdmutter-BrĂ€uche und entdeckte dabei zahlreiche mit einer direkten Verehrung der Erde als göttlichem Wesen zusammenhĂ€ngende Rituale auch in Europa; so etwa das Niederlegen eines Neugeborenen auf den nackten Erdboden, dokumentiert von der Zeit der Römer bis in die Neuzeit; die Opfergaben an die Erde bei Geburten in Litauen; das Niederlegen von Sterbenden auf die Erde in einigen deutschen Gebieten (und in Indien). FĂŒr ihn wurden hier die Wurzeln religiösen Denkens sichtbar.cite-ref-30[30]
Auf dem vorchristlichen Glauben grĂŒndend existierte in der europĂ€ischen Naturphilosophie bis ins 19. Jahrhundert die Vorstellung zweier, sich ergĂ€nzender (dichotomer) Grundprinzipien: hier das mĂŒtterliche Naturprinzip im Sinne einer formbaren, geschichtslosen und unbewussten Materie; da das vĂ€terliche Geistprinzip im Sinne des formenden, entwickelnden und bewussten Gestalters.cite-ref-31[31]
Balten und Slawen
Bei den historischen Balten gab es die Vorstellung der Erdgöttin Ćœemyna, die in Opposition zum Sonnengott Jarilo stand, dessen Strahlen sie aus dem Schlaf weckten und der sie begattete; in der altslawischen Mythologie finden sich die Erdmutter Mokosch und der Himmelsvater Svarog in Ă€hnlicher Weise. Diese alten Götter waren Symbole fĂŒr noch Ă€ltere animistische oder pantheistische Vorstellungen. WĂ€hrend die Götter dem Christentum weichen mussten, blieben die elementaren Verehrungsformen bis in die jĂŒngste Zeit erhalten: So ist die Erde bei den Slawen Mat'-Syra Zemlja oder kurz Matâ Zemlja â die âfeuchte Mutter Erdeâ. Ihr Leib sind die Steine, ihre Knochen die Wurzeln, ihre Adern die BĂ€ume und KrĂ€uter und ihr Haar die GrĂ€ser. Auch unter christlichem Einfluss bildete sich erneut eine zunehmende âVermenschlichungâ, die mit der Mutter Gottes in Zusammenhang steht. Als Grundlage blieben jedoch sehr konkrete BrĂ€uche bestehen, wie etwa die Beschwichtigungsformeln beim Ernten von HeilkrĂ€utern oder der Brauch, sich mit Erde die HĂ€nde von SĂŒnden zu reinigen, die sich in der Volksfrömmigkeit der AltglĂ€ubigen Russlands zum Teil bis heute erhalten haben.cite-ref-32[32]
Indianer: Der strategische Sammelbegriff
âDie Erde ist meine Mutter, und an ihrem Busen will ich ruhen.â
â
Tecumseh
(1768â1813, HĂ€uptling der Shawnee, Zitat von 1812)
Dieses Zitat geht vermutlich auf den Einfluss von HĂ€uptling Tecumsehs Bruder Tenskwatawa zurĂŒck, der als kultureller Erneuerer auftrat und âdie Anbetung der Erdeâ von seinen AnhĂ€ngern forderte. Es ist das Ă€lteste bekannte Zitat von einer âindianischenâ Mutter-Erde-Idee. Die populĂ€re Mother-Earth-Philosophie der nordamerikanischen Ureinwohner ist erst durch die Auseinandersetzung mit den âWeiĂenâ entstanden: Die sehr unterschiedlichen animistischen Vorstellungen richteten sich fast immer auf konkrete Teile der Natur und nicht auf ihre Gesamtheit. Die Ausweitung auf die ganze Erde entsprang der Ohnmacht gegen das Unrecht der Landnahme und wurde in diesem Zusammenhang als plakative und emotionale Metapher in der Kommunikation mit den Eroberern eingesetzt.cite-ref-radkau-11-1[11]cite-ref-feest-16-3[16]
Der amerikanische Religionswissenschaftler Sam Gill wies 1987 in seinem Buch Mother Earth nach, dass der Begriff erst durch die Konfrontation mit den EuropĂ€ern und ihrer so augenscheinlich âerdverĂ€nderndenâ Lebensweise als gemeinindianischer Gedanke entstand.cite-ref-feest-16-4[16] Bei den Lakota (und vielen anderen nordamerikanischen StĂ€mmen) galt die Erde als nicht besitzbar und daher auch unverkĂ€uflich, da sie die Quelle aller Ressourcen ist. Diese grundlegende Einstellung auf den Begriff âMutter Erdeâ zu reduzieren ist nachvollziehbar.cite-ref-35[35]
Dass âMother Earthâ im Laufe der Zeit zur zentralen Figur der nordamerikanischen Indigenen heranreifte, ist nicht zu leugnen,cite-ref-wernhart-4-1[4] wirft jedoch die Frage auf, ob es sich dabei anfangs um ein religiöses Symbol handelte oder ânurâ um eine strategische Ausdrucksweise in der Kommunikation mit den Eroberern.cite-ref-feest-16-5[16]
Die Bedeutung ĂŒbernatĂŒrlicher weiblicher Wesen und die Stellung der Frau war in Nordamerika sehr unterschiedlich, wenngleich die Verehrung der Mutterschaft hier ĂŒberall vorhanden ist und die Ăbertragung auf die Erde als alter indianischer Archetypus angesehen werden kann. Dennoch gab es vielfĂ€ltige Unterschiede bezĂŒglich dieser Verehrung (biologische Tatsache, soziale Bedeutung, ideologische Deutung, religiös-rituelle Einbindung oder metaphysische Ăbertragung).cite-ref-feest-16-6[16]cite-ref-wernhart-4-2[4]
Wie der österreichische Ethnologe Christian Feest belegt, hatte die Heiligkeit des Landes â symbolisiert durch âMutter Erdeâ â von Anfang an politische und religiöse Aspekte. Der Begriff entstand aus der Not heraus gewissermaĂen als kleinster gemeinsamer Nenner der religiösen Vielfalt Nordamerikas. Er subsumierte die verschiedensten spirituellen BezĂŒge zur Erde, zum Land oder zu unterschiedlichen Naturerscheinungen â so nebensĂ€chlich sie zum Teil waren â unter diesem Sammelbegriff. So entstand erstmals ein gemeinsames Motiv, das es der Vielzahl unterschiedlicher StĂ€mme erlaubte, mit einer Stimme gegenĂŒber den Eindringlingen aufzutreten.cite-ref-feest-16-7[16]
mother-earth-philosophie
Indianer: Der identitÀtsstiftende Begriff
â[Anerkennung gebĂŒhrt] allen starken dominanten GroĂmĂŒttern aller StĂ€mme, die den Geist der Mutter Erde nicht sterben lieĂen und es nicht versĂ€umten, es immer wieder in unsere Ohren zu flĂŒstern, als wir klein waren.â
â
Ed âEagle Manâ McGaa (* 1936), (Neo-)Traditioneller Oglala-Autor
Der drastische und zum Teil erzwungene Kulturwandel (siehe etwa: Residential School) fĂŒhrte bei den amerikanischen Ureinwohnern spĂ€testens gegen Ende des 19. Jahrhunderts zu einem raschen Verlust des traditionellen Wissens, zu einem Verfall oder zumindest einer erheblichen Fragmentierung und Verfremdung der ursprĂŒnglichen Religionen und zur kulturellen Entwurzelung. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs machten viele Indianer, die in die StĂ€dte zogen oder im Krieg gedient hatten, vermehrt die Erfahrung, dass sie von der Mehrheitsgesellschaft nicht differenziert als Mitglieder verschiedener StĂ€mme wahrgenommen wurden, sondern nur als âdie Indianerâ. Dies fĂŒhrte zu einem gemeinindianischen SolidaritĂ€tsgefĂŒhl, das sich nach der RĂŒckkehr dieser Menschen in die Reservationen auch dort zu etablieren beganncite-ref-37[37] und die Grundlage fĂŒr die Bildung eines (zusĂ€tzlichen!) stammesĂŒbergreifenden IdentitĂ€tsgefĂŒhles fĂŒhrte, das als Panindianismus (â auch Panbewegungen) bezeichnet wird. Die âMother-Earth-Philosophieâ spielt dabei eine zentrale Rolle.cite-ref-wernhart-4-3[4]
Die Sioux-Autoren Ohiyesa (Anfang 20. Jahrhundert) und Vine Deloria jr. (1970er Jahre) machten den strategischen Begriff mit ihren Schriften zu einem heiligen Symbol. Zudem erhoben der englische Ethnologe Edward Tylor, der Amerikaner Hartley Burr Alexander und der Schwede Ă
ke Hultkrantz die Mutter-Erde-Idee irrtĂŒmlich zum universalen, nordamerikanischen Konzept und trugen damit erheblich dazu bei, diese Vorstellung unter vielen Indigenen Nordamerikas als scheinbar traditionelle Ăberlieferung zu etablieren. Heute wird sie jedoch in aller Regel von ihren AnhĂ€ngern als echte Tradition verteidigt (siehe auch: Indigenisierung).cite-ref-feest-16-8[16] Die seit den 1970er Jahren bestehende Umweltbewegung förderte diese Entwicklung, indem sie die Indianer pauschal zu âHĂŒtern der Mutter Erdeâ hochstilisierte.
Umweltbewegung: Das mystisch-romantisch verklÀrte Symbol
âMutter Erde ist ein lebendiges und dynamisches System, zusammengesetzt aus der unsichtbaren Gemeinschaft aller Lebenssysteme und Lebewesen, untereinander verbunden, unabhĂ€ngig und sich ergĂ€nzend, eine Schicksalsgemeinschaft bildend. Mutter Erde gilt in der Weltanschauung der Nation und der einheimischen, indigenen, kleinbĂ€uerischen Völker als heilig.â
â
PrĂ€ambel zum âGesetz der Rechte der Mutter Erdeâ
GroĂe PopularitĂ€t hat nach wie vor die fiktive oder zumindest drastisch manipulierte Rede des HĂ€uptlings Seattle von 1855, mit der das indianisch-spirituelle Mutter-Erde-Konzept mit den Themen der Umweltbewegung verknĂŒpft wird. Sie wurde unter anderem vom WWF weltweit verbreitet. âDerâ Indianer wird hier zum ökologischen Vorbild im Sinne eines edlen Wilden erhoben und Mutter Erde wird dabei zum mystisch-romantisch verklĂ€rten Stereotyp.cite-ref-39[39]
Der Gedanke einer mĂŒtterlichen Erde ist jedoch nicht nur ein Motiv fĂŒr den Naturschutz, denn auch menschliche MĂŒtter werden hĂ€ufig zwar geachtet, mĂŒssen ihre Leistungen aber immer auf Verlangen ihrer Kinder und ohne Gegenleistung erbringen. Dieser Anspruch gilt durchaus auch bei chthonischen (erdverbundenen) Kulturen. So hieĂ es etwa im alten Kleinasien, âdass die Erdgöttin Kybele immer wieder aufs Neue vergewaltigt werden muss, um sie zur Fruchtbarkeit zu zwingen.âcite-ref-radkau-11-2[11] Auch das Denken bodenbebauender Ethnien mit Erdmutter-Vorstellungen war in erster Linie anthropozentrisch und nicht ökozentrisch, denn die Sicherung des eigenen Ăberlebens steht naturgemÀà bei allen Lebewesen an erster Stelle. So dienten alle Kulte in Verbindung mit der Erde zuerst dem Wohl des Menschen und nicht einem uneigennĂŒtzigen Schutz der Umwelt âan sichâ.cite-ref-radkau-11-3[11]
Die These von den âöko-spirituell denkenden Indigenenâ fĂŒhrt immer wieder zu Kontroversen.cite-ref-crawford-15-1[15]
âą Die Gegner der These argumentieren mit Handlungen indigener Völker, die zu erheblichen BeeintrĂ€chtigungen eines Ăkosystems fĂŒhren können, wie das Abbrennen von Grasland oder die Brandrodung sowie die Ausrottung von Tieren, wie etwa des Laufvogels Moa durch die Maori oder des Bodenfaultieres durch die ersten Kariben. Auch die âKlippen-Treibjagdâ auf Herdentiere â bei der das Wild in Panik versetzt und auf den Rand einer Klippe zugetrieben wurde â wird gern angefĂŒhrt. Vormoderne Völker hĂ€tten zudem keine rational begrĂŒndeten, nachhaltigen Naturschutzkonzepte gekannt, sondern lediglich Mechanismen, die dem Menschen dienten.
âą Die BefĂŒrworter halten dem entgegen, dass es viele Beispiele gĂ€be, in denen die angeblich irrationalen mythologisch-religiös begrĂŒndeten Schutzstrategien naturnahe ZustĂ€nde wesentlich lĂ€nger bewahrt hĂ€tten als alle modernen Konzepte. Sie folgern, dass die direkt erfahrbare AbhĂ€ngigkeit vom Land und seinen Ressourcen lebensbestimmend war und sich von daher zwangslĂ€ufig in Weltanschauungen widerspiegeln musste, die eine Balance zwischen Mensch und Umwelt suchten. Ăberdies gĂ€be es eine Reihe moderner Umweltschutzprojekte, bei denen indigene StĂ€mme eine wichtige Rolle spielen.
evo-morales-mutter-erdeWenngleich der Begriff Mutter Erde in der Umweltbewegung vorwiegend als mystisch-verklĂ€rte Metapher benutzt wird und keine direkte religiöse Symbolik hat, gibt es auch Bestrebungen, die an eine spirituelle Bedeutung anknĂŒpfen. Das bekannteste Beispiel ist die Mutter-Erde-Rhetorik der bolivianischen Regierung unter ihrem indigenen PrĂ€sidenten Evo Morales:
Nach der gescheiterten UN-Klimakonferenz in Kopenhagen 2009 lud Morales am Internationalen Tag der Mutter Erde (der bis dahin Tag der Erde hieĂ) zu einer alternativen Weltkonferenz der Völker ĂŒber den Klimawandel und die Rechte von Mutter Erde ein. Daraufhin wurde er von der Generalversammlung der Vereinten Nationen zum âWorld Hero of Mother Earthâ ernannt.cite-ref-40[40] Die Konferenz mit weit mehr als 30.000 Teilnehmern aus mehr als 140 LĂ€ndern fand vom 20. bis 22. April 2010 in Cochabamba (Bolivien) statt. In 17 Arbeitsgruppen wurde ein zehnseitiges âAbkommen der Völkerâ erarbeitet,cite-ref-domradio-41-0[41] in dem es unter anderem heiĂt: âWir schlagen den Völkern der Welt die RĂŒckgewinnung, Wiederaufwertung und StĂ€rkung der ĂŒberlieferten Kenntnisse, Weisheiten und Praktiken der indigenen Völker vor, die sich in der Lebensweise und dem Modell des âVivir Bienâ (Guten Lebens) bestĂ€tigt finden, indem die Mutter Erde als ein lebendiges Wesen anerkannt wird, zu dem wir in einer unteilbaren, wechselseitigen, sich gegenseitig ergĂ€nzenden und spirituellen Beziehung stehen.âcite-ref-42[42] Im Anschluss an die Konferenz erlieĂ Morales fĂŒr Bolivien das âGesetz der Rechte der Mutter Erdeâ (Gesetz NÂș 071 der Republik Bolivien, 2010 â s. Zitat).cite-ref-stadler-kaulich-38-1[38] Die religiöse Bedeutung wird in beiden Dokumenten deutlich. Mit dem Beschluss ĂŒber einen Weltklimavertrag vom 12. Dezember 2015 bei der Klimakonferenz in Paris findet der Begriff Mutter Erde Eingang in die PrĂ€ambel eines international verbindlichen Dokumentes.cite-ref-43[43]
Im Rahmen der Revitalisierung wirkt das Mutter-Erde-Bild der Umweltbewegung zum Teil auf neo-traditionelle Indigene (deren ursprĂŒngliche Lebensweise nicht mehr existiert) zurĂŒck: Manch einer findet seine neue religiöse IdentitĂ€t nunmehr im Stereotyp vom naturverbundenen âKind der Mutter Erdeâ. Solche Vorstellungen sind allerdings âaus dem Zusammenhang gerissenâ, denn sie dienen nicht mehr der WelterklĂ€rung, erfĂŒllen nicht mehr die religiösen BedĂŒrfnisse einer intakten ethnischen Gemeinschaft und spiegeln nicht mehr die Lebenswirklichkeit wieder, wie dies in frĂŒheren Zeiten der Fall war; Mutter Erde wird hier zu einer âweitgehend sinnreduzierten religiösen Ideeâ.cite-ref-crawford-15-2[15]
Esoterik: Die neureligiöse Personifizierung
âWir mĂŒssen uns [âŠ] bewusst werden, dass Mutter Erde (oder Gaia) selbst ein hochentwickelter, den Planeten beseelender Geist ist. Sie erwartet nun ungeduldig ihren langersehnten Aufstieg in die FĂŒnfte Dimension. [âŠ] Jedoch muss sie, bevor sie aufsteigen kann, ihren planetaren Körper von all der Verschmutzung der Vergangenheit, der Zerstörung und den AbfĂ€llen, die die Menschen auf ihrer OberflĂ€che angesammelt haben, reinigen. [âŠ]â
â
Lawrence und Michael Sartorius in ihrem Buch âDie neue Erdeâ
WĂ€hrend indigene Völker mit dem Sinnbild âMutter Erdeâ ursprĂŒnglich jeweils ihre ureigenen Vorstellungen verbanden, legten Angehörige der westlichen Kultur neue Bedeutungen hinein, die so vorher nicht vorhanden waren: entweder die Idee von einem (angeblich) radikalen Biozentrismus (wie es von der Umweltbewegung und ihren Kritikern verwendet wird) oder aber als âschillerndesâ, neu entworfenes spirituell-esoterisches Konzept.cite-ref-crawford-15-3[15]
Gern verwendet wird die pantheistische Vorstellung von einer heiligen, beseelten Erde â hĂ€ufig Gaia genannt â im New Age und anderen paganen Neureligionen (etwa im Neoschamanismus).cite-ref-45[45] Sie spielt hier eine besonders wichtige Rolle als Quelle jeder göttlichen Kraft. Der Mensch ist dabei nur ein Wesen unter vielen in der allseits belebten, vergöttlichten Natur. Politisch werden diese Strömungen als ökologisch-national tituliert.cite-ref-46[46]
Da ein Teil der modernen Esoterikszene ein Markt mit konkurrierenden Anbietern ist, die die steigende Nachfrage nach Sinnsuche bedienen, muss sich das auch in den unterschiedlichen Lehren niederschlagen: Die âWareâ soll schnell verfĂŒgbar und leicht verstĂ€ndlich sowie auf die BedĂŒrfnisse der Nutzer zugeschnitten sein. Dies hat zu einer groĂen Anzahl von Strömungen gefĂŒhrt, bei denen Elemente der unterschiedlichsten Religionen (hĂ€ufig solche, von denen die gröĂte âmystische Faszinationâ zu erwarten ist) aus ihrem historischen und soziologischen Zusammenhang gerissen wurden, um sie dann zu neuen Lehren zu verbinden.cite-ref-47[47] Bei diesem oberflĂ€chlichen und unreflektierten âPatchwork-Verfahrenâ ist es nicht verwunderlich, dass Fehlinterpretationen seriöser Theorien (siehe etwa: Gaia-Hypothese, Morphisches Feld), populĂ€re Bestseller-Theorien mit hoch spekulativem Inhalt (siehe etwa: Michael Harner, Carlos Castaneda, Ufoglaube), aber auch FĂ€lschungen ĂŒbernommen werden.
Mutter Erde im Urchristentum?
Im Zusammenhang mit der Mutter-Erde-Thematik wurden die âĂbersetzungenâ der Schriftrollen der Essener durch den ungarischen Philosophen Edmond Bordeaux SzĂ©kely kontrovers diskutiert, der zu dem angeblich vom Vatikan geheimgehaltenen âFriedensevangelium der Essenerâ Zugang bekam und es âhauptsĂ€chlich durch Inspiration zu rekonstruieren versuchte.âcite-ref-potzel-48-0[48] In diesen Texten, die zu den Schriftrollen vom Toten Meer gehören sollen und damit der antiken jĂŒdischen Religion und dem Urchristentum zuzuordnen wĂ€ren, steht nach SzĂ©kely beispielsweise: âDie Mutter Erde ist in dir und du bist in ihr. Sie gebar dich, sie gibt dir das Leben. Sie war es, die dir deinen Körper gab, und Ihr wirst du ihn eines Tages zurĂŒckgeben. GlĂŒcklich wirst du sein, wenn du Sie kennenlernst und das Reich ihrer Pracht.â Oder â[âŠ] die Kraft deiner Mutter Erde steht ĂŒber allem. Sie bestimmt das Schicksal aller menschlichen Körper und aller lebendigen Wesen. Das Blut, das in uns flieĂt, stammt aus dem Blut unserer Mutter Erde.â Die Erdenmutter wird hier in einem Atemzug mit dem himmlischen Vater genannt.cite-ref-49[49] Zur Echtheit dieser Ăbersetzung fragt sich Dieter Potzel (Herausgeber der Online-Zeitschrift Der Theologe), ob ihr tatsĂ€chlich Ă€ltere Quellen zugrunde liegen.cite-ref-potzel-48-1[48] Nach Patrick Diemling handelt es sich hier um eine in der Neuzeit entstandene Neuoffenbarung, die nicht legitim ist. Er schreibt: âTrotz der Imitation biblischer Sprache lassen sich fĂŒr den Wissenschaftler kontextuelle EinflĂŒsse ohne Schwierigkeiten aus diesen Texten herauslesen. Aus Unwissen betrachten hingegen erstaunlich viele Laien Neo-Apokryphen wie das Friedensevangelium der Essener als authentische Zeugen der urchristlichen Ăberlieferung.âcite-ref-50[50]
Siehe auch
Literatur
âą Albrecht Dieterich: Mutter Erde â Ein Versuch ĂŒber Volksreligion. Zweite Auflage, B. G. Teubner, Leipzig/Berlin 1913.
Einzelnachweise
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